andermadness

Seb von Birdos schickte mir einige Tage vor unserem Trip nach Andermatt einen Screenshot von seinem Handy. Als ich das Bild öffnete, staunte ich nicht schlecht und war ziemlich aus dem Häuschen, denn ich bekam das Niederschlagsradar der nächsten Tage für Andermatt zu sehen. Der Schriftzug „Andermatt“ verschwand in einer Orange-Lilafarbenen Färbung was einer Neuschneemenge von 90-120cm zuzuordnen war. Es war also einer dieser Trips bei dem die Erwartungen schon in im Vorhinein riesig waren. Mit dem Bus ging’s für 15 Euro von München nach Zürich. Dort traf ich auf Designerin und Skifahrerin, Katja Müller. Als ehemalige Rennläuferin fällt es ihr leicht neues Material zu fahren und zu beurteilen, perfekte Voraussetzungen also für den Skitest bei Birdos. (Link vom Blog). Mit dem Zug sind es gerade mal zwei Stunden bis in das Ortszentrum von Andermatt. Bei gutem Wetter ist die Zugfahrt ein landschaftlicher Traum, in unserem Fall stand jedoch eine große Wetterfront über dem Schweizer Tal. Die Wolken hingen tief und es schneite leicht, als wir in Andermatt aus dem Zug stiegen. Es war nicht besonders kalt, die Straßen voller Schneematsch, insgesamt lag relativ wenig Schnee. Wir zweifelten etwas an dem gewaltigen Sturm, der in den nächsten Stunden einrollen sollte. In dicken Sorelboots, eingepackt in eine Daunenjacke empfing uns Sebastian Gerner, oder einfach Seb. Er ist seit Sommer Teil der sympathischen Skimanufaktur, Birdos und lebt den Winter über in Andermatt.

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Im Spycher, einem kleinen Lokal in dem die Locals ihr Bier schlürfen, trafen wir auf Lars und Martin. Martin gehört im Gegensatz zu Seb schon länger zu Birdos. Er ist unter anderem für das Marketing der kleinen Firma verantwortlich, wobei die Rollen hier nicht besonders klar verteilt sind. Martin meinte dazu nur: „ Jeden Tag macht jemand anders den CEO“. Lars führt das Andermatt Basecamp, ein Hostel für Freerider. Hauptberuflich fliegt er Cargomaschinen um die ganze Welt und kennt sich daher bestens mit dem Wetter aus. In Andermatt ist er daher der Wetterfrosch und bekannt für seine präzisen Wettervorhersagen. Er klärte uns über die große Wetterfront auf, die uns in der Nacht erreichen sollte und prognostizierte dabei 70-90cm Neuschnee. Daraufhin waren wir wieder ganz gelassen und bestellten die Rechnung. Leider war es auch der Freitag an dem der Euro gegenüber dem Franken an Wert verloren hatte, statt 25 Franken, zahlten wir für unseren Spezi und die Pizza also schlappe 25 Euro.

Am Abend trafen wir Seb in der kleinen Werkstatt, denn er baute seinen eigenen Ski zusammen und das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Als ich die Stufen hinabstieg und die Tür aufstoß, stieg mir der Geruch von frisch gemischtem Epoxy, Sägespänen und abgestandener Luft in die Nase. Aus dem klapprigen Radio dröhnten alte Gitarrensounds, der Generator der die Presse antreibt lief auf Hochtouren und Seb legte gerade die nächste Lage Glasfasern auf seinen Ski. Alles war sehr alt, aber die Jungs von Birdos hatten überall ihre Fingerabdrücke hinterlassen. Überall klebten Sticker, Fotos aus Andermatt und einige skurile Entwürfe für diverse Graphics. Es war eine ganz besondere Atmosphäre, fast so als hätte man durch die Türe eine andere Welt betreten, die Birdoswelt, in der jedes Paar Ski mit Handarbeit und viel Leidenschaft produziert wird.

Mit einem lässigen Wink begrüßte uns Seb, widmete sich aber gleich wieder seinem Ski, hier war er in seinem Element. Als die letzte Lage aufgelegt wurde und das Topsheet verklebt wurde, war es Zeit die Atemmaske abzunehmen und das gute Stück in die Presse zu schieben. Die Presse sah aus als wäre sie mindestens 20 Jahre alt, vermutlich irgendein Prototyp der großen Skifirmen. Seb stellte auf seinem Handy den Timer, wir verließen die Werkstatt und zogen mit Martin noch durch ein paar Bars. Der Schneefall wurde heftiger und als ich bei Lars im Basecamp ankam, lagen bestimmt schon 20 cm Schnee auf der Straße. Voller Vorfreude schlief ich ein.

Es hatte Powder ohne Ende. Bis zum Oberschenkel, bis zur Hüfte, keine Ahnung, der Schnee flog uns einfach nur noch um die Ohren.

Der nächste Morgen empfing uns mit heftigem Schneefall. Im Tal war es immer noch nicht besonders kalt, sodass schwer zu sagen war wie viel Schnee am Berg gefallen ist. Mit dem ersten Sessellift ging’s hoch auf den Nätschen. Während der langen Fahrt mit dem Zweier Sessel schauten Katja und ich schon nach der ersten Line unter dem Lift. Kurz bevor wir in den ersten Hang dropten, wussten wir noch immer nicht genau was uns erwarten würde, der erste Schwung verriet jedoch alles: Es hatte Powder ohne Ende. Bis zum Oberschenkel, bis zur Hüfte, keine Ahnung, der Schnee flog uns einfach nur noch um die Ohren. Ein paar Runs später machte auch der Sessellift weiter oben auf und präsentierte uns das gleiche Bild. Der Schnee war mindestens genauso tief, aber noch eine ganzes Stück trockener.

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Oben trafen wir dann auf Seb und Martin, die in der letzten Nacht wohl noch etwas versumpft waren und nun ihre müden Gesichter mit einer ordentlichen Portion Powder auffrischen wollten. Ohne Mittagspause schossen wir den ganzen Tag durch den feinen Schnee. Zurück im Hostel kam auch Lars ganz aufgeregt auf mich zu, berichtete mir von seinen Runs und präsentierte mir voller Vorfreude die Prognose für den morgigen Tag. In der Nacht noch mehr Neuschnee, morgen Sonnenschein. Kaum zu glauben, besser konnte es eigentlich nicht mehr werden, einer dieser Besonderen Tage stand uns bevor.

Um 7:30 riss mich die erste Sprengladung aus dem Bett.

Die Bergwacht war scheinbar schon fleißig am Arbeiten denn eine Dynamitbombe nach der anderen schepperte durch das schmale Tal. Um neun Uhr traf ich mich mit Katja und Seb in der langen Schlange an der Talstation der Gemstock Bahn. Nachdem diese am Vortag wegen zu viel Schnee und zu wenig Sicht geschlossen blieb, waren heute alle heiß drauf, den großen Gletscher im Powder abzusurfen. Oben angekommen klickten wir sofort in die Bindung schoben ein paar Mal kräftig an und schossen die 1000 Höhenmeter durch den feinen Schnee zurück zur Mittelstation. Gleich dreimal fuhren wir den gleichen Hang, bevor wir auf Dan trafen.

Dan ist Guide in Andermatt und der Gründer von Birdos. Vor einigen Jahren kam er aus den USA nach Andermatt und fing ein seine eigenen Ski zu bauen. Immer mehr Skibegeisterte fanden daran Gefallen und so machte sich Birdos einen Namen im ganzen Alpenraum. Er liebt es in den Schweizer Bergen unterwegs zu sein und machte sich durch die Bergführerausbildung seine Leidenschaft zu seinem Job.

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Dan nahm uns mit auf einen echten Klassiker in Andermatt, das Felsental. Das verspielte Gelände lädt zu einigen Drops ein und bietet hinter jeder Ecke neue Überraschungen. Zurück an der Talstation endet unser Andermadness. Zwei geniale Tage, die es in einem Winter vermutlich nur selten gibt, liegen hinter uns. Jede Menge Powder und Einblicke in eine ganz sympathische kleine Firma in den Schweizer Alpen bleiben uns in Erinnerung. Für mich ist es extrem wichtig, dass es neben den großen Unternehmen der Branche immer noch kleine Firmen wie Birdos gibt. In Handarbeit, mit ausgewählten Materialien, werden hier noch echte Meisterstücke produziert. Uns hat es gefreut die netten Herren kennenzulernen und sagen vielen Dank an Seb, Martin und Dan!