Frau Holle, ihres Zeichens Hüterin der weißen Pracht, war vergangenen Herbst wohl sehr darauf bedacht ihren wertvollen Schatz zu wahren. Entweder wollte sie uns die Weihnachtsstimmung der Südhalbkugel auf unseren Breiten schmackhaft machen, oder sie war zu beschäftigt ihr Kissen in Nordamerika auszuschütteln. Vielleicht versuchte sie auch nur die deutsche Bevölkerung vor dem alljährlichen Sommerreifen bedingten Schneechaos zu bewahren. Welche Gründe sie auch immer gehabt haben mag, sie hat uns mit ihrer Abwesenheit die ersten Powderturns kräftig vermiest.

Uns blieb also nichts Anderes übrig als die Eisen zu stemmen, uns mit den Treppen rauf zum Kirchturm anzufreunden und die Vorstellungskraft ins unermessliche zu treiben, wenn wir uns coole Lines in den grünen Bergen vorstellten. Was die skifahrerische Vorbereitung auf anspruchsvolle Runs in steilem Gelände anging, mussten 10 Tage Skikurs mit kleinen Kids auf spiegelglatten Pisten genügen um Balance und Seitrutschen auf Vordermann zu bringen.

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Das alles war vor Weihnachten. Nun stehe ich hier oben, eine steile Rinne unter mir und nigelnagelneues Material an den Füßen. Das Skigebiet des Stubaier Gletschers kommt mir von hier oben  vor wie eine unwirkliche Miniaturwelt.  In einem Akt der Angst und Vorfreude klettere ich irgendwie über das bröselige Gestein bis zum Einstieg der Rinne, seile mich das erst Stück ab und stehe nun inmitten der schroffen Felsen. Es ist alles bereit, die Kameras blinken rot, ich hole ein letztes Mal tief Luft und stelle die Ski in Richtung Fallinie. Es fühlt sich einfach genial an, alle Strapazen der letzten Wochen sind vergessen und es läuft fast wie geschmiert. Ein schneller Turn nach links, ein kurzer nach Rechts, ein dumpfer Knall, Stein von unten – „Shit“…. egal weiter – die Rinne macht auf, die Schwünge werden größer, das Rauschen in den Ohren lauter, das letzte Felsband rechts liegen lassen, Straight Line. Ein lautes „Wuhuuuu“ kreische ich ins Funkgerät wie ein pubertäres Mädchen, schwinge ab und bin einfach nur geflasht.

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Von unten blicke ich auf meine Line in einem Teil des magischen X, das aus zwei schmalen Rinnen geformt wird. Philipp setzt gleich noch einen drauf. Aus dem Funk höre ich wie er seinen Countdown herunterzählt und nur Sekunden später präsentiert er mir einen fetten Spray an der Kreuzung der beiden Rinnen. Er biegt rechts ab und schießt zielsicher durch die Felsen am Ende der Rinne. Von einem lauten Rauschen der weiten Klamotten begleitet rast er mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf mich zu. High-Five und Fist-Bump auf den ersten „echten“ Run!

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rock’n’roll start

3 Jahren ago  •  By  •  0 Comments