Couloirs & Traditions

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Seit Stunden geht es mit Schneeketten im Schneckentempo voran. Es schneit ununterbrochen und je weiter wir kommen, desto mehr Schnee liegt auf der Straße und desto weniger Schneeräumer setzen sich vor unsere Stoßstange. Ich halte an einer kleinen verlassenen Tankstelle, steige aus dem Wagen und versuche erneut die Spannung der Ketten nachzuziehen. Die Kälte beißt sich in meine Finger, doch kurz bevor jedes Gefühl meine Fingerspitzen verlässt, schaffe ich es irgendwie das kleine Plastikteil in das noch viel kleinere Kettenglied zu schieben. Als ich wieder einsteige drückt mir Philipp mein Abendessen in die Hand. Es gibt ein nicht allzu frisches  Panini und ein trockenes Pain au Chocolat. Die Französisch-Italienische Mischung unseres Snacks haben wir unserer geografischen Lage irgendwo zwischen Chambéry und Turin zu verdanken. Inzwischen sitzen wir seit sechs Stunden im Auto und unser Ziel, La Grave, ist alles andere als in greifbarer Nähe.

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Zusammen mit Philipp Müller und Julian Probst, hatte ich die vergangene Woche in Chamonix verbracht, für Philipp und mich ging es nun weiter in das Freeride und Steep Skiing Eldorado La Grave. Eigentlich hatte man uns gesagt, von Chamonix wären es gerade einmal drei Stunden nach La Grave, mit viel Schnee auf der Straße maximal vier. Während sich das Radio also nach wie vor nicht zwischen Französisch und Italienisch entscheiden konnte, rätselten wir darüber, wie es überhaupt dazu kommen konnte, nach sechs Stunden noch immer mit Tempo vierzig über die verschneite Autobahn zu tuckern. An zwei Pässen wies uns ein Schild freundlich darauf hin wieder umzukehren und eine alternative Route zu suchen. Naiv wie wir waren stellten wir in Chamonix das altertümliche Navi ein, dessen Karten seit einem Jahrzehnt nicht mehr aktualisiert worden waren und fuhren einfach drauf los. Im Nachhinein wäre es vermutlich schlauer gewesen, sich über die Wintersperre der einzelnen Pässe zu informieren und den deutlich schnelleren Weg über Grenoble zu wählen.

Wie auch immer, nach rund acht Stunden kam uns das Ortsschild von La Grave sympathisch nahe und wir trudelten in ein französisches Dorf ein, das nicht traditioneller hätte sein können. Alte Steinhäuser reihten sich dicht aneinander und formten die kleine Gasse durch die Ortschaft. Ein paar Restaurants, einige Bars und ein Outdoorshop mischten sich unter die kleinen Apartments. Als wir aus dem Auto stiegen und die massiven Berge unter dem klaren Sternenhimmel sahen, waren alle Strapazen des Tages vergessen und wir freuten uns auf den frischen Powder am nächsten Tag. Wir checkten im Hostel ein, was aufgrund unserer mäßig bis ungenügenden Französischkenntnisse aus der 10. Klasse, kein leichtes Unterfangen war, trotzdem empfing uns die Dame des Hauses sehr herzlich und zeigte uns die Zimmer. Wir warfen noch kurz einen Blick auf die Karte der umliegenden Berge, packten die Rucksäcke mit Seil und Steigeisen und fielen anschließend in unseren wohl verdienten Tiefschlaf.

La Grave_by_Tim Marcour_2015-6

Früh am nächsten Morgen schlugen wir uns die Bäuche voll mit frischem Baguette und leckerem Schinken, packten unsere Sachen und liefen zur Talstation der museumsreifen Gondel. Wir holten unsere Tickets und fühlten uns gleich wohl zwischen all den Alpinisten und gut ausgerüsteten Freeridern. Wer keinen Gurt trug und einen Eispickel am Rucksack hatte, war definitiv in der Minderheit. Philipp und ich stiegen in die Gondel ein und machten gleich Bekanntschaft mit zwei Franzosen die sich wohl in La Grave auskannten, denn sie machten uns gleich auf die besten Runs aufmerksam und verschafften uns Frischlingen einen guten Überblick. Als die Gondel auf halbem Weg stehen blieb und sich für einige Minuten nicht mehr von der Stelle rührte wurden wir etwas unruhig, dachten uns aber nichts weiter dabei. Als die kleine Kabinengondel erneut stehen blieb und unsere Mitfahrer unsere ratlosen Gesichter sahen, klärten sie uns über die Funktionsweise der Gondel auf. „Alles hängt an einem Seil. Wenn die Leute einsteigen wollen, haben alle anderen eben Pause.“, sagte einer der beiden. Wir stiegen an der Mittelstation um und durchbrachen auf halbem Weg zur Bergstation die Wolkendecke. Endlich eröffnete sich uns ein Blick auf das faszinierende Gelände unterhalb der massiven Gletscher- und Felswände der Meije, La Grave’s höchstem Gipfel. Wie wir vom Vortag wussten, hatte es nicht gerade wenig geschneit und wir waren so ziemlich die ersten an diesem Sonntagmorgen, also stieg das Stoke Level nun ins unermessliche. Wir klebten wie kleine Jungen mit der Nasenspitze an der Fensterscheibe der Gondel und zauberten schon jetzt in Gedanken unsere Line in das felsdurchsetzte, jungfräuliche Gelände. Als wir oben ankamen, rannten wir aus der Gondel klicken unsere Schuhe in die Bindung und wunderten uns etwas, dass uns niemand in diesem Tempo folgte.

Diesen „Stress“ waren wir wohl von unserem Homespot der Nordkette gewohnt.

Wer dort einen Augenblick zögerte schenkte die erste Line her. Hier in La Grave drehte sich die Welt scheinbar etwas langsamer. Es schien als hätte jemand Uhr angehalten, denn alle bewegten sich in Zeitlupentempo. Eilig hatten wir es an diesem Tag tatsächlich nicht, schließlich gab es genügend Powder für alle. Wir sogen die frische Luft in uns hinein, ließen einige Augenblicke das großartige Panorama auf uns wirken und schossen dann hintereinander durch den Powder, der ersten Steilstufe entgegen. Es war dieser Moment der ersten Turns, der Philipp und mir den Atem nahm. So hatten wir uns das Ganze vorgestellt. Sonne, Powder, hohe Berge und ein geniales Gelände. Nachdem wir für die erste Auffahrt rund 45 Minuten gebraucht haben, entschieden wir uns diesmal in der Mittelstation einzusteigen, was uns nichts desto trotz 800 Höhenmeter feinsten Pulver bescherte.

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Gerade als wir wieder in die Gondel stiegen, drückte sich der Nebel an den steilen Felswenden nach oben und bescherte uns einen Blindflug auf der zweiten Abfahrt. Wir verzogen uns in den Wald, wo noch genügend Powder auf uns wartete, hüpften von Felsen, fotografierten ein wenig und hatten einen riesen Spaß dabei. Wir beendeten den Tag bei einem Bier und machten uns auf die Suche nach unserer Unterkunft, in der wir ab diesem Tag untergebracht waren. Nach kurzer Suche, standen wir mit unserem Gepäck vor einem unscheinbaren kleinen Haus, das wie jedes andere aus Steinen gebaut war. Wir betraten das „Aux Grand Cours“ und wurden auch hier äußerst herzlich empfangen obwohl uns die Sprachbarriere erneut die Kommunikation erschwerte. Als wir unser schnuckeliges Zimmer bezogen, hätte man meinen können wir hätten einen romantischen Liebesurlaub gebucht. Die Einrichtung bestand aus altem Holz, das perfekt in die rustikalen Steingemäuer integriert war. Rote Kuscheldecken schmückten die Betten und weiß, rot, karierte Vorhänge verzierten die Fensterrahmen. Eine Tür zum Bad gab es quasi nicht, sie bestand aus alten Holzlatten, die mit relativ großem Abstand auf einen Balken genagelt waren, Privatsphäre Fehlanzeige. Trotzdem fühlten wir uns unheimlich wohl und waren froh mal wieder in einem vernünftigen Bett zu schlafen.

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Die nächsten Tage waren etwas durchwachsen was das Wetter und den Schnee anging, also entschieden wir uns einige Tage später für einen spontanen Ausflug in das nahe gelegene Les Deux Alpes. Bausünden aus den 60er und 70er Jahren, gepaart mit hochmodernen Chalets, schmückten das Ortsbild des traditionellen Nobelskiorts. Unbeeindruckt von den zahlreichen High Society Touristen in Pelzmänteln, machten wir uns sofort auf die Suche nach übrig gebliebenem Powder. Im Gegensatz zu La Grave wehte an diesem Tag, auf der anderen Seite des Bergmassivs der Meije, kein einziges Lüftchen und der blaue Himmel zeigte sich von seiner besten Seite. Es dauerte nicht lange und wir fanden einige geniale Runs, die wir sofort fotografierten und filmten. Obwohl wir erst gegen Mittag in Les Deux Alpes ankamen, holten wir uns eine ordentliche Portion Powder ab und waren fix und fertig als wir wieder am Parkplatz eintrudelten.

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Am nächsten Tag hatte sich das raue Wetter auch in La Grave wieder gelegt und wir kamen in den Genuss eines ausgezeichneten Guidings von Thomas Boillot, einem local Bergführer. La Voûte stand auf dem Programm, ein steiles Couloir mit 30 Meter Abseilstelle, ein echter La Grave Klassiker. Wir starteten mit einem gemütlichen Run über den riesigen Glacier de la Girose, welcher dann immer steiler werdend in einem engen Couloir mündete. Nach einigen weiteren 100 Höhenmetern fanden wir uns vor einem 30 Meter hohen Cliff wieder. Thomas packte das Seil aus, suchte kurz nach dem installierten Haken und schon seilten wir uns über das massive Cliff bis in das nächste Couloir ab. Eine gigantische Atmosphäre empfing uns am Fuße des Felsabsatzes. Rund Fünf Meter trennten die imposanten Felswände, dazwischen reichlich Schnee. Eine einsame Stille umgab uns, kein Lüftchen wehte, wir konzentrierten uns und zogen ein paar saubere Turns in das steile Gelände. Wie durch einen langen Tunnel rauschten wir durch das Couloir und hatten stets den Blick auf das Ende des Couloirs gerichtet – das Tal. Unten angekommen stellten wir uns an die Straße, hielten den Daumen raus, ließen das 2000 Höhenmeter lange Colouir Revue passieren und warteten darauf bis uns ein netter Franzose samt unserer Ausrüstung in sein Auto lud.

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Am letzten Tag parkten wir gleich morgens das Auto an der Ausstiegsstelle des Couloirs, trampten zur Gondel und machten uns auf den Weg zum höchsten Punkt auf dem Glacier de la Girose. Unsere Rucksäcke waren voll mit Kameraequipment und Kletterausrüstung, denn wir filmten das Couloir vom Vortag, ehe wir Mittags ins Auto stiegen um die lange Heimreise zurück nach München anzutreten. Es war ein sehr gelungener Trip nach La Grave, der Schnee hätte zwar etwas besser sein können, doch wir werden sicherlich nicht zum letzten Mal dort gewesen sein. Schließlich gibt es noch unzählige Varianten und Couloirs, die es zu entdecken gilt. Vielen Dank an dieser Stelle an unseren Guide Thomas von „Guides La Grave“, sowie Laurence vom hiesigen Tourismusbüro, die uns logistisch unterstützte.