Wir kämpfen uns die letzten Meter zum Gipfelrestaurant des Patscherkofel. Seit einer Stunde kassieren wir Faceshots ohne Ende, allerdings in Form von groben Schneekörnern, mit denen uns der Wind mit gefühlten 100km/h ein ordentliches Peeling verpasst. Aus jeder erdenklichen Rinne rund um Innsbruck hat der Föhnsturm den Schnee geblasen und übrig bleibt nur hässliches Geröll. Wir haben es satt. Noch am gleichen Abend vergleichen wir Preise von Wohnmobilvermietungen, denn unser Schicksal wollen wir nun selbst in die Hand nehmen.

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Ein geeigneter Schlitten war schnell gefunden und die Packliste hielt sich in überschaubarem Rahmen. Ein Grill, vier Liegestühle, eine Kaffeemaschine, vier Kopfkissen, zwei Satz Schneeketten und jede Menge Skiequipment, nicht mehr und nicht weniger. Den Rest hatte unsere fünf Sterne Luxussuite auf Rädern bereits an Bord. Aber wohin damit? Nach einem eher bescheidenen Start in den Winter, sollte sich bis Mitte Februar in Tirol an der Situation nichts ändern. Für uns trotzdem kein Grund zur Panik, denn Tobi unser Tiefschneespürhund hat sich nämlich schon vorab schlau gemacht und knapp drei Minuten seiner kostbaren Zeit dazu verwendet im Internet zu recherchieren. Mit der knappen Ansage „Da fahr ma jetzt hin!“ deutete er auf seinem Bildschirm auf einen tief lila Fleck irgendwo im französisch-italienischen Grenznirvana – Crevacol war noch irgendwie zu entziffern.

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12. Februar 2016, 14:35
Wir haben uns vor Freude wieder eingekriegt und fangen endlich an die ca. zwei Tonnen Gepäck in die Laderäume zu stopfen. Ziemlich schnell ergeben sich die ersten Konflikte: Brauchen wir wirklich 4 Paar Ski pro Mann? Wo zur Hölle sollen wir die denn bitte unterkriegen? Sind drei Kamerastative nicht etwas übertrieben?

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12. Februar 2016, 16:00
Als auf die Frage: „Haben wir jetzt alles?“ keiner mehr hastig aufspringt und murmelnd zurück ins Haus rennt, um kurz darauf mit den Worten „Boa, das hätte ich fast vergessen“ wieder rauskommt, kann es endlich losgehen. Kaum sind wir auf die Hauptstraße eingebogen kommt von hinten aus dem Doppelbett, aus welchem Tobi nach dem Probeliegen noch nicht rausgefunden hatte die Frage: „Wie sieht’s eigentlich mit Essen aus?“. Also ab zum Nächsten Supermarkt.

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12. Februar 2016, 23:00
Sechs Stunden sind wir mittlerweile unterwegs, die erste Playlist ist durchgehört und die Scheinwerfer unserer Karosse lassen immer noch grünes Gras unter der Leitplanke erahnen. Die Stimmung ist am absoluten Tiefpunkt. Das Navi verkündet noch 30 min Fahrzeit. Langsam zweifeln wir an den Schneefall-Prognosen. Über 180 cm in den nächsten sechs Tagen waren uns prophezeit worden. In Aosta sieht es mehr nach Rasenhockey oder Minigolf, als nach perfekten Freeridebedingungen aus.

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12. Februar 2016, 23:03
Raus aus dem letzten Tunnel und da ist es endlich, das weiße Gold. Momentan noch braun und matschig doch von Minute zu Minute und Höhenmeter zu Höhenmeter wird es mehr und mehr Schnee. Vor lauter Erleichterung setzt Fabi unsere rollende Schüssel in einer Kehre beinahe an die Leitplanke. Die Reife drehen durch, der Gestank von verbranntem Gummi und heißer Kupplung liegt in der Luft, wir ziehen Schneeketten auf. Frei nach dem Motto: „Viel hilft viel“ – vorsichtshalber gleich vorn und hinten. Mit unserem improvisierten Kettenfahrzeug klettern wir mühsam die letzten Kilometer hinauf bis zum Talschluss. Irgendwo in Italien, mitten drin im Powder, parken wir das Wohnmobil und hüpfen direkt in die Falle.

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13. Februar 2016, 8:00
Die sanften Handtrommeln aus dem Intro von Sympathy for the Devil wecken uns aus dem Schlaf und beenden die erste Nacht in unserer 5 Sterne Unterkunft, die im Moment allerdings eher mit einer finnischen Sauna zu vergleichen ist – um die Dosierung der Standheizung sollten wir uns also besser kümmern, wenn wir nicht jeden Morgen völlig durchgegart und eingeölt aufwachen möchten.

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Wir tüfteln aus wie das Klappfenster zu öffnen ist, stecken den Kopf nach draußen und bekommen gleich riesige Schneeflocken in die müden Augen. Kopf wieder rein, neuer Versuch, Kopf wieder raus, Augen auf, doch außer Schnee ist nicht viel zu sehen. Während uns Keith Richards ein turbulentes Gitarrensolo um die Ohren schmeißt, spachteln wir unser Müsli in die leeren Mägen, packen den Rucksack und ziehen den breitesten Ski aus dem Stauraum unseres Winterpanzers.

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13. Februar 2016, 10:00
Der breiteste Ski? Unsere 125mm wirken in der hüfthohen Aufstiegsspur ziemlich lächerlich. Mittelbreiten jenseits der 150er Marke und ein Paar Schwimmflügel wären wohl eher angebracht. Soviel Schnee haben wir in unserem Leben noch nie gesehen. Das Bild, das uns der Lärchenwald um Crevacol bietet, kennen wir bestenfalls aus kanadischen Powderpornos.

13. Februar 2016, 12:00
Zu viel Schnee? Konnte das überhaupt sein? Steiles Gelände ist tabu, im Flachen bleiben wir stecken, doch zum Glück bieten die Wälder um Crevacol optimales Gelände um die weiße Pracht durch Mund und Nase zu inhalieren. Unsere Münder stehen vor Begeisterung derart weit offen, dass wir Gefahr laufen am frischen Powder zu ersticken.

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Stay tuned for ep.02 Chamonix

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|Die CAMPER| ep.01 Crevacol

2 Jahren ago  •  By  •  0 Comments

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