1st time in chamonix

3 Jahren ago  •  By  •  0 Comments

Wenn der Name Chamonix fällt, wird jeder Skibegeisterte sofort hellhörig. Der Ursprung des Steilwandfahrens, der Ort für Powderjunkies, ja die Wiege des Skisports.

L’Aiguille du Midi

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Auch heute noch lockt der traditionelle Skiort unzählige Bergsportbegeisterte an. Es wirkt fast so, als trifft sich die ganze Welt in „Cham“. Mitte Februar wollten dann auch wir dem magischen Skiort einen Besuch abstatten.

Liebend gerne sind wir an unseren Homespots in der Innsbrucker Gegend unterwegs. Steile Runs und enge Couloirs, das ist unser Spezialgebiet. Als wir vergangenen Winter so ziemlich jede Rinne in den Kalkögeln nahe Axams von innen gesehen hatten und auch sonst etwas gesättigt waren von unseren heimischen Bergen war klar, jetzt musste mal was Neues her. Aufgrund unserer Vorliebe für steile Rinnen fiel die Entscheidung für Chamonix nicht besonders schwer. Bei der Planung liebäugelten wir natürlich mit Klassikern wie dem Cosmique Couloir, La Poubelle oder dem Glacier Ronde, klar war aber auch, dass die Bedingungen dafür perfekt sein müssten. Seit die 9-Tages Prognose von Bergfex auf den ersten Tag unseres Trips viel, checkten wir täglich den Wetterbericht. Leider ist dieser oftmals nicht besonders zuverlässig,  deshalb waren wir froh um unseren Wetterfrosch vor Ort. Ständig hielten wir Rücksprache mit unserem Guide Stephan Schanderl und spielten jedes Szenario durch. Aufgrund des durchwachsenen Winters stand die Reise nach Chamonix sogar lange Zeit auf der Kippe. Erst Stephans SMS eine Woche zuvor, brachte die endgültige Entscheidung. „Schneemangel in Cham gibt’s nicht mehr, Powder ohne Ende – jetzt lohnt sich’s!“.

Fünf Tage später saßen wir im Auto auf dem Weg in den wohl bekanntesten Skiort der Welt. Mit an Bord waren Philipp Müller und Julian Probst. Beide erstklassige Skifahrer und staatlich geprüfte Skilehrer. An fahrerischer Kompetenz sollte es also nicht mangeln. Der Wetterbericht versprach uns eine stabile Hochdrucklage während der gesamten Woche, da waren die Weichen für einen genialen Trip also gestellt.

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Als wir nach einer sieben-stündigen Autofahrt spät abends ankamen, war von Mont Blanc und Co noch nichts zu sehen. Selbst der erste Blick aus dem Fenster am nächsten Morgen verriet noch nicht besonders viel, denn eigentlich waren nur Felswände zu sehen. Wir hätten wohl das Fenster aufmachen müssen, den Kopf weit hinausstrecken um überhaupt das Ende dieser schier in den Himmel ragenden Berge zu erkennen. Wie sich herausstellte war auch die letzte Nacht keineswegs Wolkenlos und was wir für Sterne hielten war in Wirklichkeit ein Licht auf der Bergstation der Aiguille du Midi.

Nicht ganz das was wir uns erhofft hatten, doch der Plan für den ersten Tag war schnell geschmiedet.

Ein wenig Fassungslos trafen wir uns mit unserem Guide Stephan an der Grand Montets Bahn. „Upper Section closed due to strong winds“, lasen wir auf den Infotafeln. Stephan klärte uns kurz und knapp über die aktuelle Situation auf. Das Wetter war zwar gigantisch, doch über Nacht hatte es auf 3500 m über 150 km/h Wind, Tendenz stark abnehmend. Nicht ganz das was wir uns erhofft hatten, doch der Plan für den ersten Tag war schnell geschmiedet. Ein paar Warm Up Runs auf der unteren Hälfte der Grand Montets Bahn gefolgt von einer Sightseeing Runde durch’s Valle Blanche, sozusagen ein echter Klassiker gleich zu Beginn.

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Direkt aus dem Ortszentrum von Chamonix katapultiert uns die Télépherique de l’Aiguille du Midi von 1035 m auf stolze 3842 m, somit ist sie die zweithöchste Seilbahn der Welt. In der Gondel tummeln sich für gewöhnlich einige Touristen mit Sonnenbrille und Daunenjacke ansonsten aber ausschließlich Skifahrer mit Klettergurt, Seil, Eischrauben und Pickeln. Wie sich nach einigen Tagen herausstellte, war das auch die Standardausrüstung wenn man in Chamonix Skifahren wollte. Morgens wurde es dann schon zur Routine, neben langer Unterhose und Skihose sofort den Klettergurt anzulegen. Auch die Rucksäcke wurden deutlich schwerer, denn Steigeisen und Pickel gehörten hier einfach dazu.

Von unseren heimischen Skigebieten sind wir Höhen um die 2500 m gewöhnt, maximal, da ist die Aiguille du Midi mit ihren knapp 4000m schon eine ganz andere Hausnummer. Wie alle anderen Touristen kraxelten wir also von einer Aufsichtsplattform auf die nächste, zeigten wie wild auf die umliegenden Berge und knipsten alles was uns vor die Linse kam. Für Stephan ein tägliches Brot, doch bei einem solch grandiosen Wetter war er voll in seinem Element, als er jeden Gipfel mit Namen benannte und eigentlich auch zu jedem eine passende Story erzählte. Nach unserer ausgiebigen Touriaktion, ging‘s dann doch endlich Richtung Valle Blanche. Kurz noch die Steigeisen angelegt, den schmalen Grad entlang gelaufen und dann ein paar große Turns über den noch viel größeren Gletscher gezogen.

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Für uns schon ein echtes Erlebnis in einer derart gewaltigen Bergwelt Skifahren zu können. Andauernd glotzten wir die massiven Felsen an, sodass wir nach einer Woche in Cham beinahe einen steifen Nacken bekommen hätten.Der Schnee war eher schlecht als recht, geprägt von den tollen landschaftlichen Eindrücken war uns das aber ziemlich egal. Spätestens als wir am Ausgang der berühmten Abfahrt ein kühles Bier genießen konnten, waren alle Gedanken an den verharschten Schnee wie weggeblasen. Uns erfüllte ein Gefühl der tiefsten Zufriedenheit, mit dem wir ganz gemütlich die letzten Höhenmeter ins Tal cruisten.

Wenn also jemand bei diesen Bedingungen Powder finden würde, dann unser Guide Stephan.

Auch für die nächsten war keine einzige Wolke in Sicht, doch durch den kräftigen Wind, war der Schnee entweder Steinhart, nicht vorhanden oder in Rinnen eingeweht, sodass es schnell Lawinengefährlich wurde. Für unseren Guide keine leichte Aufgabe. Stephan lebt seit drei Jahren in Chamonix und arbeitet Sommer wie Winter als Bergführer für den Summit Club. Hauptsächlich führt er Touren in und um Chamonix und kennt sich daher besser aus als mancher Local. Wenn also jemand bei diesen Bedingungen Powder finden würde, dann er.

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Auf der Suche nach dem letzten Quäntchen Pulver fuhren wir am zweiten Tag durch den Mont Blanc Tunnel nach Courmayeur. Kaum erblickten wir das Licht am Ende des Tunnels war klar: Wir sind in Italien. Wir kurvten durch kleine holprige Straßen, vorbei an einigen Cafés und Pizzerien, bis direkt vor eine schon fast altertümliche Gondel. Es war nicht viel los, diesmal waren es nur wir vier und zwei Speedrider in der Gondel. Oben angekommen am Gipfel des Torino auf 3375 m erwartete uns eine tolle Aussicht auf die schroffe, felsige Südseite des Mont Blanc, oder wie er in Italien heißt, Monte Bianco.

Die Abfahrt zurück nach Courmayeur war landschaftlich schon wieder der Wahnsinn und wir hatten das Gefühl, der Berg würde überhaupt nicht mehr aufhören. Für gewöhnlich wäre es schon lange wieder an der Zeit gewesen in einen Sessellift oder eine Kabinengondel zu steigen, doch nach 1000 Höhenmeter, war das Tal immer noch nicht näher gekommen. Als wir nach rund einer Stunde das Auto erreichten, staunten wir nicht schlecht als der Höhenmesser eine Differenz von rund 2000 m angab.

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Für die zweite Hälfte des Tages nahmen wir eine Variante im eigentlichen Gebiet von Courmayeur in Angriff. Von der höchsten Stelle der Cresta D’Arp ging es Nordseitig Richtung Tal hinunter, den Blick dabei immer auf den Monte Bianco gerichtet. Nach kurzer Diskussion über die bevorstehende Route entschieden wir uns für einen kleinen Hike auf die nächste Scharte. Stephan hatte wohl ein Riecher gehabt, denn da erwartete uns tatsächlich eine kleine Portion Powder. Wir genossen jeden Schwung und beschlossen unseren überaus gelungenen Tag bei einem Bier und einer wunderbaren italienischen Pizza auf der Sonnenseite des Mont Blanc.

In den kommenden Tagen führte uns Stephan durch nahezu alle anderen umliegenden Gebiete. Eine tolle Variante jagte die nächste. Neben steilen Hängen und engen Couloirs ist das Besondere an Chamonix wohl auch, dass an einem Tag oftmals nur ein Run zu schaffen ist. Das ist der Tatsache geschuldet, dass man gut und gerne mal 20km und über 2000 Höhenmeter während einer einzigen Variante zurücklegt. Im Gegensatz zu unserem altbekannten Tiroler Hügelland, wirklich eine ganz andere Nummer. Oftmals sind wir mit dem Zug oder dem Bus 30-40 Minuten zurück nach Chamonix gefahren. Auch das Wetter ließ uns während der gesamten Woche nicht im Stich, zwar schenkte uns der liebe Petrus keinen Neuschnee, dafür jede Menge Sonnenschein.

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Eines der Highlights der Woche war sicherlich die Abfahrt durch das Pas de Chevre. Die ganze Woche drängten wir unseren Guide zu steilen Couloirs, doch bei den derzeitigen Bedingungen war jede Rinne hart wie Beton. Bei 45° Neigung und 1000 Metern Luft unter dem Hintern, wird da jeder noch so verlockende Klassiker zum Alptraum. Im etwas weniger ausgesetzten und flacheren Pas de Chevre wagten wir dennoch einen Versuch. Gegen 10:30 waren wir an der Bergstation der Grand Montets Bahn, warteten jedoch noch ab, bis die Sonne in das komplette Couloir strahlte. Wir hofften darauf, dass der Hartgefrorene Schnee dadurch etwas aufweichen würde und wir somit unbeschwert durch die Rinne schwingen könnten.

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Gegen 12:30 standen wir in besagtem Couloir doch der Schnee war alles andere als weich. Nach langem hin und her entschieden wir uns dafür, die steilste Stelle abzuseilen – Safety First! Trotzallem konnten wir den ersten Cham-Klassiker von der Liste streichen. Und die anderen? Die To-Do Liste ist lang, sehr lang sogar. Es wird wohl noch ein paar Jahre dauern bis wir den Großteil davon abgehakt haben. Unser erster Trip nach Chamonix war trotzdem überaus gelungen. Jede Menge Sonne, Berge an denen man sich nicht Sattsehen kann, gutes Essen und jede Menge Spaß. Fehlte eigentlich nur der Powder.

Vielen Dank an unseren Guide Stephan für die tolle Woche!