Der braungebrannte Liftler an der Talstation des Vierersessels in Churwalden begrüßt Philipp und mich auf Schwiizerdütsch und nimmt uns sofort die schweren Rucksäcke ab. Wir sind vermutlich seit einiger Zeit wieder die ersten die überhaupt bei ihm in den Lift steigen, denn weit und breit sind keine Skifahrer zu sehen. Es ist warm, so warm, dass die letzten Schneereste schon zu tiefem Sulz geworden sind und die Sommerrodelbahn geöffnet hat. Sie ist das Highlight hier am ParadiSchier Erlebnisberg, doch die meisten Touristen verschlägt es etwas weiter Tal einwärts nach Lenzerheide. Gut für uns, denn wir genießen die Stille und lassen uns auf den Sitzen des Sessellifts nieder. Ein paar Minuten später ist unser Ziel schon klar erkennbar: die Alpe unseres Kumpels Tobi Heinle. Der liegt im Liegestuhl und genießt die letzten Sonnenstrahlen des Tages als wir mit all unserem Gepäck durch den tiefen Sulz auf seine Hütte zusteuern.

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Wir begrüßen uns und werden sofort in das kleine Haus geleitet. Die Einrichtung ist einfach: Ein Tisch, eine Sitzbank, ein Herd und ein alter Holzofen. Am Eingang hängen vier massive Kuhschellen, große Adlerfedern schmücken die Wand und zahlreiche melancholische Schwarzweiß Fotos zieren den Essbereich.  Tobi verbringt hier seinen gesamten Sommer. Er ist Hirte und kümmert sich von Mai bis September um eine ganze Herde Kühe. Am Tag läuft er zwischen 10 und 15 Kilometer und kann sich so optimal auf die Wintersaison vorbereiten. Im Winter dient ihm seine Alpe als perfekter Ausgangspunkt für Skitouren und lange einsame Powdertage im Gebiet von Lenzerheide-Arosa. Zwischen seiner Arbeit als Guide am Arlberg und Ausbilder beim Deutschen Skilehrerverband versucht er im Winter so viel Zeit wie möglich mit seinen Freunden auf der Alpe zu verbringen.

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Wir stellen unsere Sachen ab und setzen einen Topf mit Schnee auf den Herd. Schnee schmelzen für Trinkwasser ist angesagt, denn die Leitung ist im Winter abgedreht. Ein paar Stunden später trotzen wir dem kalten Steingemäuer mit einer wohligen Wärme des rustikalen Holzofens. Philipp und ich studieren die Karte während Tobi am Herd steht und ein „einfaches“ Abendessen zaubert. Es gibt Schnitzel und Nudeln mit frischen Tomaten und Mascarponecreme. Beim Essen erzählt uns Tobi von seinem Leben auf der Alpe. Meistens ist er an der frischen Luft und kümmert sich um’s Vieh, aber ab und an kann es ziemlich einsam werden. „Im Sommer wenn’s regnet, bleibt dir eigentlich nix anderes übrig als da zu sitzen, nachzudenken oder Holz für den Winter zu spalten.“ Wir spachteln das leckere Essen in uns hinein als hätten wir seit Tagen nichts bekommen, doch wir haben großes vor am nächsten Tag. Der Plan sah vor ein paar Lines in die gewaltige, Alaska Style Spine Wall direkt hinterm Haus zu ziehen. Der letzte Schneefall lag schon eine Weile zurück, aber die Infos seiner Freunde vor Ort deuteten auf gute Bedingungen.

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Früh morgens blinzelte die Sonne durch unser Fenster und weckte uns sanft aus dem Tiefschlaf. Das Frühstück war schnell gerichtet und ebenso schnell wieder aufgegessen, sodass wir uns gleich auf den Weg zu unserem Objekt der Begierde machen konnten. Der Aufstieg war einfach und dauerte vom Ausstieg des oberen Schleppers nicht länger als eine Stunde. Wir standen nun vor einer Wand und wurden uns erst in diesem Moment den riesigen Dimensionen bewusst. Dies waren keine 30 Sekunden Lines, so viel stand fest. Der Schnee machte einen recht guten Eindruck, mit etwas Glück waren unsere AK-Lines immer noch mit reichlich Pulver gefüllt.

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Es dauerte nur einen Augenblick bis der Plan für den ersten Run von jedem abgesegnet wurde. Tobi machte sich auf den Weg zu seiner ersten Line, Philipp ließ die Drohne in der Luft kreiseln und ich positionierte mich mit meiner Kamera. Als Tobi oberhalb seiner Spine die Felle abzog, war alles bereit. Ich blickte durch meinen Sucher und staunte nicht schlecht, als ich nur einen kleinen Punkt sah, der über die Wechte in den Hang dropte. Mir hatte es derart die Optik verzogen, dass ich sofort auf 200mm heranzoomte um Tobi perfekt im Bild zu haben als er seine sauberen Turns auf den unberührten Rücken zauberte. Ich setzte kurz ab und wurde mir erst in diesem Moment bewusst, in welch gewaltige Kulisse Tobi gerade seine Spuren einbrannte. Es waren rund zwei Minuten vergangen als ich laute Jubelschreie vom Ende dieses einzigartigen Faces wahrnehmen konnte. Wir waren völlig aus dem Häuschen, denn allen war klar, dass diese Line zumindest in den Alpen eine ganz besondere war.

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Völlig geflasht machte sich Philipp auf den Weg zu seinem Hang weiter vorne im Face. Oben angekommen holte er einmal tief Luft und schepperte mit High Speed durch den weichen Schnee, sodass nichts weiter als eine majestätische Spur im Gelände hinter ihm zurückblieb. Es war ein Feuerwerk. Zwar sind es nur zwei Lines gewesen, doch das Material sollte für diesen Tag genügen. Unserem Local hinter her ging es über offene Hänge, durch lichte Wälder und schließlich entlang des Baches gen Tal. Wir luden all unser Kameraequipment im Auto ab, stiegen in die Gondel ein und erkundeten den restlichen Tag alle verborgenen Schätze des Skigebiets. Getragen von der Euphorie des Vormittags, genossen wir jeden weiteren Schwung im Pulver und beschlossen den Tag schließlich vor Tobi’s Alpe auf der Terrasse.

20.03.2016_Lenzerheide_by_Tim Marcour-54

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AK aka CH

4 Jahren ago  •  By  •  0 Comments